Menzel, Das Problem der Willensfreiheit (nach Schopenhauer, dt. Philosoph von 1788 bis 1860)
Wir denken uns also mit Schopenhauer einen Menschen, der, auf der Straße stehend, zu sich sagt: "Es ist sechs Uhr abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen; oder ich kann in den Club gehen; ich kann auch auf den Turm steigen, die Sonne untergehen zu sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen oder jenen Freund besuchen; ja, ich kann auch zum Tor hinauslaufen in die weite Welt und nie wieder kommen. Das alles steht bei mir , ich habe völlige Freiheit dazu; tue jedoch davon jetzt nichts sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause zu meiner Frau."
Das ist geradeso, fährt Schopenhauer fort, als wenn das Wasser spräche: "Ich kann hohe Wellen schlagen (ja, nämlich im Meer und Sturm!); ich kann reißend hinabeilen (ja, nämlich im Bett des Stromes!); ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen (ja, nämlich im Wasserfall!); ich kann frei als Strahl in die Luft steigen (ja, nämlich im Springbrunnen!) ich kann endlich gar verkochen und in die Luft verschwinden (ja, nämlich bei hundert Grad Wärme!); tue jedoch von allem jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig, ruhig und klar im spiegelnden Teiche."
Wie das Wasser dies alles nur dann kann, wenn die bestimmten Ursachen zum einen oder zum ändern eintreten, ebenso kann jener Mensch, was er zu können wähnt (glaubt), nur unter genau derselben Bedingung. Bis diese Bedingungen eintreten, ist es ihm unmöglich; treten sie aber ein. so ist es ihm nicht nur möglich, sondern eben das notwendig, für das die Ursachen eintreten. -
Denken wir uns nun, um den vorliegenden Fall noch prägnanter zu machen, jener um sechs Uhr deliberierende Mensch bemerkte plötzlich, dass ich hinter ihm stehe, über ihn philosophiere und ihm seine Freiheit zu allen jenen möglichen Handlungen abstreite; so könnte, wenn jener Mann eigensinnig genug wäre, sehr leicht der Fall eintreten, dass er nun gerade eine der Handlungen, die er sonst unterlassen hätte, ausführte, also etwa ins Theater ginge, statt zu seiner Frau; dann wäre diese Handlung aber nicht etwa frei, d.h. ohne Ursache geschehen, sondern gerade mein Leugnen und seine Absicht, mir seine vorgebliche Freiheit ad oculos zu demonstrieren, wäre dann das Motiv, das sich unter allen als das stärkste erwiesen und seinen Willen nezessiert hätte. Jedoch würde eben dieses Motiv ihn nur zu der einen oder anderen von den leichteren Handlungen bewegen können, etwa ins Theater zu gehen oder auf den Turm zu steigen, keineswegs aber zu dem zuletzt genannten, nämlich in die weite Welt zu laufen; dazu wäre dies Motiv viel zu schwach. -
Wenn jemand eine geladene Pistole in der Hand hält, so mag er wähnen, er könne sich damit beliebig erschießen; doch dies ist ganz irrig. Dazu ist nämlich das wenigste jenes mechanische Ausführmittel, die Hauptsache aber ist ein überaus starken und seltenes Motiv, das die ungeheure Kraft hat, die Lust zum Leben oder die Furcht vor dem Tode zu überwinden. Sobald aber dieses Motiv in der Tat einmal eingetreten ist, kann er sich nicht nur erschießen, sondern er muss es.....