Der Mensch nach dem Lexikon

[ahd. mannisca, Adjektiv zu Mann],
lat Homo, grch. Anthropos, das höchstentwik-
kelte Lebewesen der Erde. Der M. (->Homo,
-»Homo sapiens) gehört im zoolog. System zu
den Säugetieren, speziell zur Ordnung der Her-
rentiere. Gegenüber allen Tieren nimmt er
durch sein hochentwickeltes Gehirn, verbunden
mit der Fähigkeit zu denken und zu sprechen,
eine Sonderstellung ein, kann aber auch hin-
sichtlich dieser Qualitäten von nichthumanen
Primaten stammesgeschichtlich abgeleitet
werden.

Die gegenwärtige Menschheit erscheint im bio-

log. System der Organismen als einzige lebende

Art der Gattung Homo. Diese polytypische (in

viele Teilgruppen differenzierte), pandemische

(über die ganze Erde verbreitete) Art ist bis

mindestens in die letzte Eiszeit zurück durch

Skelettfunde belegt; ihr Ursprung liegt sicher

noch erheblich früher. In neuerer Zeit werden

z.T. auch ältere, früher als selbständige Arten

oder sogar Gattungen (Pithecanthropus, Nean-

dertaler) geführte Menschenformen zur gleichen

Art gestellt und nur als Unterarten vom >moder-

nen< Menschen unterschieden (-* Hominisa-

tion).

Zu den kennzeichnenden Artmerkmalen des

M. gehören u.a. sein aüfrechter Gang, mit dem

viele Eigenheiten seines Skelettbaues zusam-

menhängen, der Verlust des tier, Haarkleides

und die einzigartige Entwicklung seines Gehirns,

bes. des Großhirns, die ihn neben allen physi-

schen Eigenheiten mit der Entfaltung seiner gei-

stig-seelischen Anlagen spezifisch von allen an-

deren Lebewesen unterscheidet.

Die mit der Ausbreitung des M. über fast die

ganze Erde zunehmende Differenzierung seiner

Lebensbedingungen führte zur Entwicklung vie-

ler unterschiedl. Teilgruppen (—»Menschenras-

sen). Die Besonderheiten der Lebensweise des

M., die in vielem denen der Haustiere ähneln,

haben zudem die Erhaltung vieler Erbanlagen

begünstigt, die in freier Wildbahn i. d. R. ausge-

merzt würden. Dies hat im Vergleich zu vielen

Tier- und Pflanzenarten zu einer arttypischen

extremen Ausweitung der individuellen und

gruppenmäßigen (rassischen) Merkmalsvariabi-

lität geführt: Körperhöhe und Proportionen

schwanken in weiten Grenzen, ebenso die Maße

und Formen von Kopf und Gesicht, und zwar

sowohl des knöchernen Unterbaues als auch der

aufgelagerten Weichteile (Augengegend, Nase,

Mund, Ohr usw.). Die Pigmentierung (Haut-,

Haar-, Augenfarbe) wechselt von den hellsten

bis zu den dunkelsten Tönen; die Haarform vari-

iert von straff über schlicht, wellig, lockig bis zu

extrem kraus (Fil-fil); Bart- und Körperbehaa-

rung zeigen in Intensität und Verteilung viele

Varianten. Unterschiede der Hautleisten, der

serolog. (Blutgruppen) und vieler anderer phy-

siolog. Merkmale und schließlich die weite

Streuung unterschiedl. geistig-seel. Veranlagun-

gen ergänzen das außerordentlich vielgestaltige

Gesamtbild. - Die im Lauf der Generationen

fast unendl. Möglichkeiten immer neuer Anla-

genkombinationen, im Verein mit den (zumin-

dest in best. Grenzen stattfindenden) Modifika-

tionen der Merkmalsausprägungen durch Um-

welteinflüsse sind die biolog. Grundlage der In-

dividualität des Einzelmenschen. (Bilder Seite

145-148)

In der Philosophie bildet die Frage nach dem

Sein und dem Wesen des M. eines der urspr.

Themen. Bis zu der relativ späten Entstehung

einer eigentlichen philosoph. Anthropologie v. a.

im Lauf des 19. Jh., die in Beziehung steht mit

einer inhaltl. Hinwendung der Philosophie auf

den M., war dessen Bestimmung eng mit der

allg. Ontologie und der metaphys. Deutung der

Wirklichkeit verknüpft.

Als wesentl. philosoph. Standpunkte lassen

sich die Idealist., die materialist. und die exi-

stenzphilosoph. Position abgrenzen. Geht die er-

stere von der Annahme eines konkreten, aprio-

rischen Wesens aus, wird ein solches von den

anderen beiden Richtungen geleugnet. Während

die materialist. Anschauung den M. als von den

physischen oder Ökonom. Verhältnissen her be-

stimmt betrachtet, versteht ihn die Existenzphi-

losophie als eine undeterminierte Möglichkeit.

Für den antiken Idealismus war der M. von der

Fähigkeit zum Geist und zur Gemeinschaftsbil-

dung bestimmt. Das Vernunftvermögen unter-

scheidet nach Aristoteles den M. vom Tier und

kennzeichnet ihn als >animal rationaler als sol-

ches ist er ein >zoon politicon<, ein zum geregel-

ten gesellschaftl. Zusammenleben befähigtes

Wesen. Seine Fortsetzung fand dieses M.-Bild

im klass. Humanismus und den Systemen des

Idealismus im 18. und 19. Jh., die das Ideal einer

leiblich-seelisch-geistigen Vervollkommnung

oder die sittl. Autonomie des Vernunftwesens

als menschl. Bestimmungsmerkmal begreifen.

Dualistisch zugespitzt wurde die Idealist. Aulfas-

sung durch den Rationalismus (R. Descartes);

hier erschien der M. als antagonist. Einheit von

Geist (lat. >res cogitans<) und Körper (>res exten-

sa<). Der Empirismus verstand den M. als ur-

sprünglich nicht sozial veranlagt und vo» Selbst-

sucht bestimmt (homo homini lupus), wodurch

ein soziales Zusammenleben nur durch vertragl.

Bindung und Unterwerfung unter eine Herr-

scherautorität möglich erschien. Der mechanist.

Materialismus dehnte die kausale Determiniert-

heit auf den ganzen M. aus; er wurde damit zum

>Maschinenmenschen< (frz. »l'homme machine<,

J. 0. de Lamettrie). Von unterschiedl. materiel-

len Bestimmungen her wird der M. in den

versch. Richtungen des Materialismus abhängig

gemacht. Der Marxismus begreift ihn als von der

Gesellschaft und von prakt. Tätigkeit bestimm-

tes Wesen. Im Existenzialismus (J.-P. Sartre)

wurden die ehemals tragenden transzendenten

Bezüge unglaubwürdig angesichts der »Absurdi-

tät des Leidens und der Ungerechtigkeit in der

geschichtl. Existenz. Das Reich Gottes weicht

der Idee vom »Reich des M.< i. S. eines neuen

Humanismus. An Stelle einer transzendenten

Sinnfindung tritt die Revolte gegen das menschl.

Schicksal (A. Camus); das Bewußtsein der Ge-

meinsamkeit der existentiellen Situation erzeugt

die Solidarität. Im Ggs. zum Materialismus ver-

steht der Existenzialismus den M. aus seiner

absoluten Freiheit und wesensmäßigen Unbe-

stimmtheit, auf Grund deren er sein Sein selbst

entwerfen muß. - Gegenüber diesen Bestim-

mungen des M. hat die moderne philosoph. An-

thropologie eine antispekulative Haltung einge-

nommen; sie erstrebt eine Vereinigung der Er-

gebnisse der Einzelwiss. vom M. in einer univer-

salen philosophischen Wissenschaft vom M. (A.

Gehlen).

Nach Auffassung der Psychologie gründet die

Sonderstellung des M. nicht in der seel. Dimen-

sion, die auch bei Tieren angelegt sei, sondern in

seiner kognitiven Fähigkeit, sich als Subjekt der

Welt, in der er lebt, gegenüberzustellen. Im Un-

terschied zum instinktgeleiteten, naturbestimm-

ten Dasein des Tiers sei der M. in seiner Ent-

wicklung auf gesellschaftl. Bildungskräfte ange-

wiesen. Diese im Sozialisationsprozeß auftreten-

den Einflüsse schließen, anders als bei gesellig

lebenden Tieren, Sprache, Arbeit, Kultur und

Tradition ein. Überdies sind die menschl. An-

triebe hemmbar und verschiebbar. - Seine wil-

lentl. Entscheidungen trifft der M. auf Grund

seiner durch Anlage und Entwicklung wie z.T.

durch die Umwelt bestimmten inneren Freiheit

und wird damit fähig zu einer persönl. Gestal-

tung seines Daseins nach überindividuellen  Nor-

men und subjektiven Wertungen, die ihn auf das

Richtige und Gesollte hinweisen. Damit sei der

M. als ein zur Sittlichkeit fähiges Wesen, als Per-

son und individuell geprägte Leib-Seele-Einheit

ausgewiesen. Die Gesamtheit der Grundaussa-

gen über den M. schlägt sich in einem nach

Denkrichtung, Weltanschauung und Zeitsitua-

tion unterschiedlichen —»Menschenbild nieder.

Seit Beginn der geschichtlich erfaßbaren Zeit

hat der M. versucht, seine Begrenzung in bezug

auf die Transzendenz zu begreifen; sich selbst

erfuhr er u. a. im Totem, in der Verbindung mit

den Ahnen (Ahnenkult). Die Frage nach seiner

Herkunft (—»Schöpfung), der Auslotung seines

Wesens (—»Person, —> Seele) und seiner Bestim-

mung ist ein wesentliches Element der Religion.

Die indischen Religionen gehen von der

menschl. Vergänglichkeit aus, die in immer neu-

en Wiedergeburten auflebt, doch schließlich in

das Nirvana eingeht und aufgehoben wird. Der

Islam betont bes. die notwendige Hingabe des

Menschen an Allah. - Nach dem bibl. Verständ-

nis ist der M. als Leib vergänglich, als Abbild

Gottes (Imago Dei) unvergänglich (Auferste-

hung der Toten) - so besteht der M. in der Alten

Kirche aus Leib und vernünftiger Seele. Nach

kath. Lehre ist die unsterbliche Seele die We-

sensform des Leibes. - Die neuere evang. Theo-

logie spricht vom M. als Person in Beziehung auf

Gott. Menschenwürde und Verantwortlichkeit

sind in seiner Begegnung mit Gott begründet (E.

Brunner). Dieses Personsein bedeutet, daß

Menschsein nie unveränderlich vorhanden, son-

dern stets zu gewinnen und zu verwirklichen ist.

LIT. E. Fromm: Der moderne M. und seine

Zukunft (71974); E. Steitz: Die Evolution des

M. (•'1979); I. EibI-Eibesfeldt: M.-Forschung

auf neuen Wegen (1976, Tb. 1978); A. Gehlen:

Der M. ("1978); C. R. Rogers: Der neue M.

(1981).

Menschen, im biolog. System die —> Eu-Homi-

ninen.

aus: dtv Brockhaus, Bd. 12, S. 46ff

Aufgaben:

Aus welchen Perspektiven wird der Mensch jeweils bestimmt?

Welche Merkmale werden dem Menschen jeweils zugewiesen?

Erstellen Sie eine Synopse der Merkmalsbestimmungen!
biologisch/
zoologische Merkmale
philosophische Merkmale psychologisch/
soziale Merkmale
transzendentale
Merkmale
Säugetier
aus der Evolution hervorgegangen
aufrechter Gang
Verlust des Haarkleides
pandemische Verbreitung
einzigartige Entwicklung des Gehirns
Veränderungen der Merkmals-
ausprägung durch versch.
Umwelteinflüsse
(Haar- Augen- Hautfarbe, Pro-
portionen, Blut-
gruppe)
idealistische Merkmale

apriorisches Wesen
antiker Idealismus
geistige Fähigkeit

soziale
Fähigkeit

animal rationale

zoon politikon

klassischer Idealismus
Rationalismus
gegensätzliche Einheit aus Körper und Geist

Empirismus

nicht sozial veranlagt, Zusammen-
leben auf Grundlage von Vertrag und/ oder Autorität

materialistische Merkmale
mechanischer
Materialismus

durch materielle Bedingungen eindeutig
determiniert

(Maschinen-
mensch)

Marxismus

durch die gesellschaft-
lichen Be-
dingungen und die Art,
wie er produziert
determiniert

existenzia-
listische Merkmale


losgelöst von jeglicher Determination, absolut frei
kognitiv gesteuert und zu freier Entscheidung fähig

normengeleitet,
zur Sittlichkeit fähig

im Gegensatz zum Tier (triebgesteuert) sind Triebe hemmbar

durch Umwelt und Gesellschaft aber auch Anlage geprägt, aber auch angewiesen auf gesellschaftliche Bildungskräfte (Sprache, Arbeit, Kultur, Tradition)

Fragen nach dem Woher und Wohin und der Wesensbe-
stimmung und dem Sinns seines Daseins

Schöpfung

Leben nach dem Tod

Seele

Begegnung mit Gott

Person-Sein als Notwendigkeit der Selbst-Verwirk-
lichung


Der Mensch aus der Sicht des Schöpfungsmythos der Genesis (Hegels Interpretation der Vertreibung aus dem Paradies)