Der Mensch nach dem Lexikon
[ahd. mannisca, Adjektiv zu Mann], Die gegenwärtige Menschheit erscheint im bio- log. System der Organismen als einzige lebende Art der Gattung Homo. Diese polytypische (in viele Teilgruppen differenzierte), pandemische (über die ganze Erde verbreitete) Art ist bis mindestens in die letzte Eiszeit zurück durch Skelettfunde belegt; ihr Ursprung liegt sicher noch erheblich früher. In neuerer Zeit werden z.T. auch ältere, früher als selbständige Arten oder sogar Gattungen (Pithecanthropus, Nean- dertaler) geführte Menschenformen zur gleichen Art gestellt und nur als Unterarten vom >moder- nen< Menschen unterschieden (-* Hominisa- tion). Zu den kennzeichnenden Artmerkmalen des M. gehören u.a. sein aüfrechter Gang, mit dem viele Eigenheiten seines Skelettbaues zusam- menhängen, der Verlust des tier, Haarkleides und die einzigartige Entwicklung seines Gehirns, bes. des Großhirns, die ihn neben allen physi- schen Eigenheiten mit der Entfaltung seiner gei- stig-seelischen Anlagen spezifisch von allen an- deren Lebewesen unterscheidet. Die mit der Ausbreitung des M. über fast die ganze Erde zunehmende Differenzierung seiner Lebensbedingungen führte zur Entwicklung vie- ler unterschiedl. Teilgruppen (»Menschenras- sen). Die Besonderheiten der Lebensweise des M., die in vielem denen der Haustiere ähneln, haben zudem die Erhaltung vieler Erbanlagen begünstigt, die in freier Wildbahn i. d. R. ausge- merzt würden. Dies hat im Vergleich zu vielen Tier- und Pflanzenarten zu einer arttypischen extremen Ausweitung der individuellen und gruppenmäßigen (rassischen) Merkmalsvariabi- lität geführt: Körperhöhe und Proportionen schwanken in weiten Grenzen, ebenso die Maße und Formen von Kopf und Gesicht, und zwar sowohl des knöchernen Unterbaues als auch der aufgelagerten Weichteile (Augengegend, Nase, Mund, Ohr usw.). Die Pigmentierung (Haut-, Haar-, Augenfarbe) wechselt von den hellsten bis zu den dunkelsten Tönen; die Haarform vari- iert von straff über schlicht, wellig, lockig bis zu extrem kraus (Fil-fil); Bart- und Körperbehaa- rung zeigen in Intensität und Verteilung viele Varianten. Unterschiede der Hautleisten, der serolog. (Blutgruppen) und vieler anderer phy- siolog. Merkmale und schließlich die weite Streuung unterschiedl. geistig-seel. Veranlagun- gen ergänzen das außerordentlich vielgestaltige Gesamtbild. - Die im Lauf der Generationen fast unendl. Möglichkeiten immer neuer Anla- genkombinationen, im Verein mit den (zumin- dest in best. Grenzen stattfindenden) Modifika- tionen der Merkmalsausprägungen durch Um- welteinflüsse sind die biolog. Grundlage der In- dividualität des Einzelmenschen. (Bilder Seite 145-148) In der Philosophie bildet die Frage nach dem Sein und dem Wesen des M. eines der urspr. Themen. Bis zu der relativ späten Entstehung einer eigentlichen philosoph. Anthropologie v. a. im Lauf des 19. Jh., die in Beziehung steht mit einer inhaltl. Hinwendung der Philosophie auf den M., war dessen Bestimmung eng mit der allg. Ontologie und der metaphys. Deutung der Wirklichkeit verknüpft. Als wesentl. philosoph. Standpunkte lassen sich die Idealist., die materialist. und die exi- stenzphilosoph. Position abgrenzen. Geht die er- stere von der Annahme eines konkreten, aprio- rischen Wesens aus, wird ein solches von den anderen beiden Richtungen geleugnet. Während die materialist. Anschauung den M. als von den physischen oder Ökonom. Verhältnissen her be- stimmt betrachtet, versteht ihn die Existenzphi- losophie als eine undeterminierte Möglichkeit. Für den antiken Idealismus war der M. von der Fähigkeit zum Geist und zur Gemeinschaftsbil- dung bestimmt. Das Vernunftvermögen unter- scheidet nach Aristoteles den M. vom Tier und kennzeichnet ihn als >animal rationaler als sol- ches ist er ein >zoon politicon<, ein zum geregel- ten gesellschaftl. Zusammenleben befähigtes Wesen. Seine Fortsetzung fand dieses M.-Bild im klass. Humanismus und den Systemen des Idealismus im 18. und 19. Jh., die das Ideal einer leiblich-seelisch-geistigen Vervollkommnung oder die sittl. Autonomie des Vernunftwesens als menschl. Bestimmungsmerkmal begreifen. Dualistisch zugespitzt wurde die Idealist. Aulfas- sung durch den Rationalismus (R. Descartes); |
hier erschien der M. als antagonist. Einheit von
Geist (lat. >res cogitans<) und Körper (>res exten- sa<). Der Empirismus verstand den M. als ur- sprünglich nicht sozial veranlagt und vo» Selbst- sucht bestimmt (homo homini lupus), wodurch ein soziales Zusammenleben nur durch vertragl. Bindung und Unterwerfung unter eine Herr- scherautorität möglich erschien. Der mechanist. Materialismus dehnte die kausale Determiniert- heit auf den ganzen M. aus; er wurde damit zum >Maschinenmenschen< (frz. »l'homme machine<, J. 0. de Lamettrie). Von unterschiedl. materiel- len Bestimmungen her wird der M. in den versch. Richtungen des Materialismus abhängig gemacht. Der Marxismus begreift ihn als von der Gesellschaft und von prakt. Tätigkeit bestimm- tes Wesen. Im Existenzialismus (J.-P. Sartre) wurden die ehemals tragenden transzendenten Bezüge unglaubwürdig angesichts der »Absurdi- tät des Leidens und der Ungerechtigkeit in der geschichtl. Existenz. Das Reich Gottes weicht der Idee vom »Reich des M.< i. S. eines neuen Humanismus. An Stelle einer transzendenten Sinnfindung tritt die Revolte gegen das menschl. Schicksal (A. Camus); das Bewußtsein der Ge- meinsamkeit der existentiellen Situation erzeugt die Solidarität. Im Ggs. zum Materialismus ver- steht der Existenzialismus den M. aus seiner absoluten Freiheit und wesensmäßigen Unbe- stimmtheit, auf Grund deren er sein Sein selbst entwerfen muß. - Gegenüber diesen Bestim- mungen des M. hat die moderne philosoph. An- thropologie eine antispekulative Haltung einge- nommen; sie erstrebt eine Vereinigung der Er- gebnisse der Einzelwiss. vom M. in einer univer- salen philosophischen Wissenschaft vom M. (A. Gehlen).
Nach Auffassung der Psychologie gründet die Sonderstellung des M. nicht in der seel. Dimen- sion, die auch bei Tieren angelegt sei, sondern in seiner kognitiven Fähigkeit, sich als Subjekt der Welt, in der er lebt, gegenüberzustellen. Im Un- terschied zum instinktgeleiteten, naturbestimm- ten Dasein des Tiers sei der M. in seiner Ent- wicklung auf gesellschaftl. Bildungskräfte ange- wiesen. Diese im Sozialisationsprozeß auftreten- den Einflüsse schließen, anders als bei gesellig lebenden Tieren, Sprache, Arbeit, Kultur und Tradition ein. Überdies sind die menschl. An- triebe hemmbar und verschiebbar. - Seine wil- lentl. Entscheidungen trifft der M. auf Grund seiner durch Anlage und Entwicklung wie z.T. durch die Umwelt bestimmten inneren Freiheit und wird damit fähig zu einer persönl. Gestal- tung seines Daseins nach überindividuellen Nor- men und subjektiven Wertungen, die ihn auf das Richtige und Gesollte hinweisen. Damit sei der M. als ein zur Sittlichkeit fähiges Wesen, als Per- son und individuell geprägte Leib-Seele-Einheit ausgewiesen. Die Gesamtheit der Grundaussa- gen über den M. schlägt sich in einem nach Denkrichtung, Weltanschauung und Zeitsitua- tion unterschiedlichen »Menschenbild nieder.
Seit Beginn der geschichtlich erfaßbaren Zeit hat der M. versucht, seine Begrenzung in bezug auf die Transzendenz zu begreifen; sich selbst erfuhr er u. a. im Totem, in der Verbindung mit den Ahnen (Ahnenkult). Die Frage nach seiner Herkunft (»Schöpfung), der Auslotung seines Wesens (»Person, > Seele) und seiner Bestim- mung ist ein wesentliches Element der Religion.
Die indischen Religionen gehen von der menschl. Vergänglichkeit aus, die in immer neu- en Wiedergeburten auflebt, doch schließlich in das Nirvana eingeht und aufgehoben wird. Der Islam betont bes. die notwendige Hingabe des Menschen an Allah. - Nach dem bibl. Verständ- nis ist der M. als Leib vergänglich, als Abbild Gottes (Imago Dei) unvergänglich (Auferste- hung der Toten) - so besteht der M. in der Alten Kirche aus Leib und vernünftiger Seele. Nach kath. Lehre ist die unsterbliche Seele die We- sensform des Leibes. - Die neuere evang. Theo- logie spricht vom M. als Person in Beziehung auf Gott. Menschenwürde und Verantwortlichkeit sind in seiner Begegnung mit Gott begründet (E. Brunner). Dieses Personsein bedeutet, daß Menschsein nie unveränderlich vorhanden, son- dern stets zu gewinnen und zu verwirklichen ist.
LIT. E. Fromm: Der moderne M. und seine Zukunft (71974); E. Steitz: Die Evolution des M. ('1979); I. EibI-Eibesfeldt: M.-Forschung auf neuen Wegen (1976, Tb. 1978); A. Gehlen:
Der M. ("1978); C. R. Rogers: Der neue M. (1981).
Menschen, im biolog. System die > Eu-Homi- ninen.
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aus: dtv Brockhaus, Bd. 12, S. 46ff
Aufgaben:
Aus welchen Perspektiven wird der Mensch jeweils bestimmt?
Welche Merkmale werden dem Menschen jeweils zugewiesen?
Erstellen Sie eine Synopse der Merkmalsbestimmungen!
| biologisch/ zoologische Merkmale |
philosophische Merkmale | psychologisch/ soziale Merkmale |
transzendentale Merkmale |
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| Säugetier aus der Evolution hervorgegangen aufrechter Gang Verlust des Haarkleides pandemische Verbreitung einzigartige Entwicklung des Gehirns Veränderungen der Merkmals- ausprägung durch versch. Umwelteinflüsse (Haar- Augen- Hautfarbe, Pro- portionen, Blut- gruppe) |
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kognitiv gesteuert und zu freier Entscheidung fähig
normengeleitet, im Gegensatz zum Tier (triebgesteuert) sind Triebe hemmbar durch Umwelt und Gesellschaft aber auch Anlage geprägt, aber auch angewiesen auf gesellschaftliche Bildungskräfte (Sprache, Arbeit, Kultur, Tradition) |
Fragen nach dem Woher und Wohin und der Wesensbe- stimmung und dem Sinns seines Daseins Leben nach dem Tod Seele Begegnung mit Gott
Person-Sein als Notwendigkeit der Selbst-Verwirk- |
Der Mensch aus der Sicht des Schöpfungsmythos der Genesis (Hegels Interpretation der Vertreibung aus dem Paradies)