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Ein
Dialog zwischen Bentham
und
Kant Thema: "Das geklaute Internetreferat"
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| von Jennifer Kutschera | Grundkurs 12. Jg. (Ethik, 12.1, 1999/2000) | zurück zur Hauptseite |
Bentham:
Von meinem Standpunkt aus würde ich sagen, dass das Referat, welches von
einem Schüler aus dem Internet geladen wurde, ruhig vorgetragen werden
sollte, da eine große Anzahl von Zuhörern einen gewissen Nutzen und einen
Vorteil von einem möglicherweise inhaltlich ausgezeichneten Referat haben würden,
wodurch diese Handlung nützlich wird und somit getan werden sollte.
Kant: Wie können Sie nur eine solch
unvernünftige Handlungsweise billigen? Nur weil eine kleine Gruppe von
Menschen einen Nutzen aus dieser Sache ziehen könnte, ist das noch lange kein
ausreichender Grund dafür eine solche Tat für gut zu heißen. Ich bin strikt
dagegen, dass ein geklautes Internetreferat vorgetragen werden darf, denn bei
der Anwendung meines kategorischen Imperativs ist die Antwort auf dieses
Problem ganz eindeutig. Man kann nicht wollen, dass jeder aus dem Internet ein
Referat stiehlt um es dann vorzutragen, denn es würden keine Referate mehr
existieren. Irgend jemand müsste schließlich selbst Referate schreiben und
sie im Internet der Öffentlichkeit zugänglich machen, doch wenn sich alle
Personen nur Referate aus dem Internet besorgen wollen, kann es keine Referate
mehr geben, da niemand da ist, der sie schreibt. Ganz abgesehen davon birgt
diese Handlung schon allein deswegen keinerlei moralischen Werte in sich, weil
sie nicht aus Pflicht, sondern nur aus persönlicher Neigung heraus verrichtet
wurde.
Bentham:
Stimmt ja. wenn ich mich recht erinnere, so sind Sie doch der Ansicht, dass
eine Handlung erst dann moralisch wertvoll ist, wenn sie nur aus Pflicht getan
wurde. Jedoch scheint. Ihnen entgangen zu sein, dass ihre Handlungsweisen genau
so aus Neigung heraus entstanden sind wie die Handlungen aller Menschen. Besitzt nicht das
Gewissen, auf das Sie hören, eine Vorgeschichte? Ich weiß sehr wohl, dass
Sie meinen, man könne die Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens
gesammelt hat, ausklammern, doch das ist nun einmal nicht möglich. Und das
wiederum bedeutet, dass ihre Urteile, die Sie für so untrüglich halten, eben
auf genau die Weise entstanden sind, die Sie bei anderen so hart kritisierten.
Mir scheint, Sie überschätzen die Unfehlbarkeit ihres kategorischen
Imperativs, Herr Kollege.
Kant: Und wie steht es mit Ihnen? Sie sind doch ebenfalls von der Richtigkeit ihres Prinzips der Nützlichkeit überzeugt. Sagten Sie nicht, eine Handlung, welche mit ihrem Prinzip übereinstimmt, sei eine richtige Handlung? Doch auch ihre Überlegungen weisen Fehler auf!! ,,Das Interesse der Gemeinschaft ist die Summe der Interessen der verschiedenen Glieder, aus denen sie sich zusammensetzt“, so lautete doch eine ihrer Aussagen, oder? Allerdings lässt sich jenes nicht bewerkstelligen! Denn die einzelnen Interessen der verschiedenen Personen können im Gegensatz zu einander stehen, so dass es nicht möglich ist es jedem recht zu machen und irgend jemand immer unter den gegebenen Handlungen leiden muss. Woher kann man sich somit das Recht nehmen zu entscheiden, wen es letzten Endes trifft?
Bentham: Fällt Ihnen an ihrer Ausführung denn gar nichts
auf? Dieses Problem lässt sich ebenfalls in ihren Gedankengängen ausfindig
machen. Sie bestehen doch darauf, dass man immer so handeln soll, dass man
jede Person als Zweck und niemals nur als Mittel gebraucht. Doch auch hier ist
es nicht, möglich dem immer zu entsprechen. Wenn man sich für eine von zwei
Seiten entscheiden muss, so wird man immer, entweder die eine oder andere
Person, als Mittel und nicht als Zweck benutzen, ganz gleich, für was man
sich entscheiden sollte. Abgesehen
davon ist ihre Ethik zu antiindividualistisch, da Sie alles zu gleich machen
und nicht die feinen, aber entscheidenden Unterschiede und Voraussetzungen in
jeder Handlung berücksichtigen. Darüber hinaus haben Sie eine zu
idealistische Einstellung zu den Menschen, wodurch Sie übersehen, dass ihre
Ethik nicht funktionieren kann.
Kant:
Was wollen Sie damit sagen? Weshalb behaupten Sie, dass meine Ethik
zu idealistisch sei?
Bentham:
Nun, ja, Sie haben in ihrem Ethik-Konzept einfach übersehen, dass die
Lebensbedingungen der Menschen nun mal nicht einheitlich sind - schließlich
befinden wir uns nicht im Kommunismus. Diese Unterschiede eben bewirken, dass
selbst wenn jeder ihren kategorischen Imperativ benutzen sollte, dennoch
unterschiedliche Urteile dabei heraus kommen würden - und wer könnte nun
entscheiden, welches dieser Urteile nun das richtige sein
soll?
Kant:
Zugegeben, meine Gedankengänge scheinen noch nicht ganz hundertprozentig
ausgereift zu sein, doch ihre sind es genau so wenig. Wir sollten uns wohl
besser beide eingestehen, dass es noch ein weiter Weg ist, bis unsere
Ethik-Konzepte nahezu unantastbar sind, wenn so etwas denn überhaupt möglich
ist. Bis dahin sollten wir lieber daran arbeiten, anstatt immer nur die Fehler
des anderen zu kritisieren.