Der Glückskalkül (nach Jeremy Bentham)

Textgrundlage: J. Bentham, Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, 1789

(...)

4. Für eine Anzahl von Personen wird der Wert einer Freude oder eines Leids, sofern man sie im Hinblick auf jede von ihnen betrachtet, gemäß sieben Umständen größer oder kleiner sein: das sind die sechs vorigen, nämlich

a) die Intensität,

b) die Dauer,

c) die Gewißheit oder Ungewißheit,

d) die Nähe oder Ferne,

e) die Folgenträchtigkeit,

f) die Reinheit einer Freude oder eines Leids.

Hinzu kommt ein weiterer Umstand, nämlich

g) das Ausmaß, das heißt die Anzahl der Personen, auf die Freude oder Leid sich erstrecken oder (mit anderen Worten) die davon betroffen sind.

5. Wenn man also die allgemeine Tendenz einer Handlung, durch die die Interessen einer Gemeinschaft betroffen sind, genau bestimmen will, verfahre man folgendermaßen. Man beginne mit einer Person, deren Interesse. Am unmittelbarsten durch eine derartige Handlung betroffen zu sein scheinen, und bestimme:

a) den Wert jeder erkennbaren Freude, die von der Handlung in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint;

b) den Wert jeden Leids, das von ihr in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint;

c) den Wert jeder Freude, die von ihr in zweiter Linie hervorgebracht zu sein scheint. Dies begründet die Folgenträchtigkeit der ersten Freude und die Unreinheit des ersten Leids;

d) den Wert jeden Leids, das von ihr in zweiter Linie anscheinend hervorgebracht wird. Dies begründet die Folgenträchtigkeit des ersten Leids und die Unreinheit der ersten Freude.

e) Man addiere die Werte aller Freuden auf der einen und die aller Leiden auf der anderen Seite. Wenn die Seite der Freude überwiegt, ist die Tendenz der Handlung im Hinblick auf die Interessen dieser einzelnen Person insgesamt gut; überwiegt die Seite des Leids, ist ihre Tendenz insgesamt schlecht.

f) Man bestimme die Anzahl der Personen, deren Interessen anscheinend betroffen sind, und wiederhole das oben genannte Verfahren im Hinblick auf jede von ihnen. Man addiere die Zahlen, die den Grad der guten Tendenz ausdrücken, die die Handlung hat - und zwar in Bezug auf jedes Individuum, für das die Tendenz insgesamt gut ist: das gleiche tue man in Bezug auf jedes Individuum, für das die Tendenz insgesamt schlecht ist. Man ziehe die Bilanz; befindet sich das Übergewicht auf der Seite der Freude, so ergibt sich daraus für die betroffene Gesamtzahl oder Gemeinschaft von Individuen eine allgemein gute Tendenz der Handlung: befindet es sich auf der Seite des Leids, ergibt sich daraus für die gleiche Gemeinschaft eine allgemein schlechte Tendenz.

6. Es kann nicht erwartet werden, daß dieses Verfahren vor jedem moralischen Urteil und vor jeder gesetzgebenden oder richterlichen Tätigkeit streng durchgeführt werden sollte. Es mag jedoch immer im Blick sein, und je mehr sich das bei solchen Anlässen tatsächlich durchgeführte Verfahren diesem annähert, desto mehr wird sich ein solches Verfahren dem Rang eines exakten Verfahrens annähern.

Anwendung:

Ein Schüler hat den Auftrag, in der nächsten Philosophiestunde ein Referat über Benthams „Glückskalkül“ zu halten.

Er durchstöbert das Internet und findet tatsächlich ein gut ausgearbeitetes Referat. Er weiß, dass sein Philo-Lehrer ebenfalls das Internet nutzt und insofern das Risiko besteht, dass dieser das Referat kennt.

Die Lerngruppe besteht aus weiteren 17 SchülerInnen, die meisten (15) haben keinen Internetzugang.

Aufgabe für eine Gruppenarbeit: Berechne für den Schüler, der das Referat halten soll, den bentham’schen „Glückskalkül“!

A)      Betroffene:

1.       der Schüler selbst

2.       der Lehrer

3.       15 SchülerInnen ohne Internetzugang

4.       2 SchülerInnen mit Internetzugang

5.       der Autor des Referats

B)      Festlegung der Grundbedingungen

1.       Die Person, deren Interesse am unmittelbarsten betroffen ist: Der Schüler, der das Referat halten soll (aus seiner Perspektive soll der Kalkül berechnet werden)

2.        Die Personen, deren Interesse auch betroffen ist: Der Lehrer, der getäuscht werden soll, er kennt das Referat (das weiß der Referent aber nicht bestimmt), die Schüler, die ein gutes Referat zu hören bekommen werden und davon profitieren werden, differenziert nach solchen, die diesen Vorteil des Internetzugangs nicht nutzen können, die Schüler, die ihn nutzen können

3.       Der Autor wird nichts davon erfahren, deshalb wird angenommen, dass sein Interesse nicht berührt ist. Außerdem hat er das Referat ins Internet gestellt, damit andere davon Gebrauch machen. (Der Autor bleibt also bei der Berechnung des Glückskalküls unberücksichtigt.)

4.       Quantitatives Ausmaß:  -3 (Leid) bis +3 (Freude)

Umstände

Wert der Freude/des Leids:

Schüler, der das Referat halten soll

Wert der Freude/des Leids:

Schüler mit Internet (2)

Wert der Freude/des Leids:

Schüler ohne Internet (15)

Wert der Freude/des Leids:

Lehrer

Intensität

0 (wegen des Risikos und der Gewissensbisse)

+3 (hervorragendes Referat, man kann sich in der Stunde zurücklehnen, man wird mich bewundern)

+3 (siehe Schüler mit Internet)

0 (Täuschung, wenn er´s kennt, gute Note, wenn er´s nicht merkt)

Dauer

+1 (nur wenig Lernzuwachs)

0 (zum einen Ohr rein, zum anderen raus)

0 (siehe Schüler mit Internet)

-1 (er wird´s auch schon wieder vergessen)

Gewissheit/Ungewissheit

0 (Risiko)

0 (irrelevant)

0 (siehe Schüler mit Internet)

0 (vielleicht merkt er ja nichts)

Nähe/Ferne

+2 (ohne Anstrengung zum möglichen Erfolg)

+1 (die Schüler haben für die weitere Diskussion eine solide Grundlage)

+2 (die Schüler sehen mal, wofür das Internet nützlich sein kann)

+1 (ich bin ja sonst ganz gut in Philo)

Folgenträchtigkeit

-3 (Auffliegen)

+ 2 (die Schüler sehen in jedem Fall, dass und wie man das Internet nutzen kann, vielleicht merkt ja keiner, dass ich es "geklaut" habe)

-3 (die Schüler können den Vorteil des Internet nicht ebenso nutzen)

-3 (der Lehrer wird enttäuscht sein über mein Verhalten)

Reinheit

-1 (Risiko)

- 0 (möglicherweise werden sie mich bewundern, aber es kann auch sein, dass ich wegen des Vorteils, den ich mir zu verschaffen versucht habe, verachtet werde) 

-2 (sie werden mich der Vorteilsnahme bezichtigen)

-1 (man weiß nicht genau, wie er reagieren wird)

Summe

-1

+6

0

-4

Ergebnis: Für den betroffenen Schüler halten sich Freud und Leid nicht ganz die Waage (-1) Die Schüler, die Internetzugang haben, werden von dem Referat profitieren und lernen, dass man (wenn auch nicht so) das Internet für solche Zwecke nutzen kann. (+6 (x2)= +12. Die Schüler, die keinen Internetzugang haben, werden einerseits von dem Referat profitieren, andererseits, sich aber auch hintergangen fühlen, weil jemand einen Nutzen aus einer Sache gezogen hat, die nicht allgemein zur Verfügung steht. (0) Der Lehrer selbst wird getäuscht (-4)

Berücksichtigt man die Interessen rein quantitativ, könnte der Schüler den Kalkül im positiven Bereich (+12-(-4-1)=+7) angesiedelt sehen: Für die Mitschüler ist es insgesamt vorteilhaft, ein gutes Referat zu hören (wenn es auch nicht originär ist), außerdem zeigt er, dass das Internet gute Möglichkeiten bietet. D.h. Er sollte das Referat (auch wenn es nicht sein eigenes ist), halten.

Wenn der Schüler allerdings sein eigenes Risiko, das er dabei eingeht, berücksichtigt, wird eine so einfache quantitative Rechnung nicht aufgehen: Sein eigenes Interesse wiegt schwerer, als das jedes einzelnen Schülers, weil er die negativen Reaktionen des Lehrers (-4) als einziger zu spüren bekommen wird. D.h. der Faktor –1 seines möglichen Leids muss entsprechend dem Verhältnis  seines eigenen Interesses zum Interesse der 17 SchülerInnen  kalkuliert werden. Schon bei 7 fach gewichtetem Eigeninteresse wäre der Kalkül neutral (0) bei 8 fachem Gewicht im negativen Bereich.

Analyse: Die Diskussion im Kurs selbst hat ergeben, dass alle Gruppen zu dem Ergebnis kamen, dass das Referat nach der Berechnungsgrundlage Benthams gehalten werden sollte. Teilweise wurde vorgeschlagen, das Eigeninteresse 17fach zu gewichten (bei durchweg positivem Gesamtergebnis für den Referenten).

Es wurde festgestellt, dass die Differenzierung der Umstände  (Dauer, Nähe/Ferne, etc.) teilweise recht vage sei, dass das quanitative Ausmaß der Beurteilungsbreite (-3 bis+3) zu gering angesetzt gewesen sei, um die Unterschiede zwischen Freud und Leid schärfer voneinander abzugrenzen, dass insgesamt das Berechnungsverfahren zu aufwendig und deshalb unpraktikabel sei, dass in vielen Entscheidungssituationen eher spontan gehandelt werde, andererseits jedoch im Prinzip häufig abgewogen werde, welche Risiken neben den Vorteilen aus einer Handlung entstünden. Dabei sei aber die Wertung der Risiken und/oder der Vorteile nicht objektiv leistbar, sondern häufig subjektiv interessegeleitet. 

Alternative: Man könnte den Glückskalkül einerseits für den Referenten so berechnen, dass er das Referat einerseits im Sinne geistigen Diebstahl als sein eigenes ausgibt, andereseits so, dass er das Referat als Material nutzt, aber ein eigenes Referat unter Verwendung auch anderer Materialien erstellt. Der Vergleich der Ergebnisse könnte eine rationale Entscheidung im Sinne Benthams "exaktem Verfahren" begründen.

Weiterführung: Interssant wäre auch dieses Beispiel zur Grundlage für eine Anwendung des kategorischen Imperativs Kants zu nehmen. d.h. ohne dass die Zwecke oder Folgen dieser Handlung bzw. die Interessen des Handelnden, sondern ausschließlich die Form der Handlung und die Gesinnung des Handelnden in den Kalkül eingehen:

Kann ich wollen, dass der geistige Diebstahl eines Referats aus dem Internet zum allgemeinen Gesetz werde?

Ein fiktiver Dialog (Hausaufgabe) zwischen Bentham und Kant macht die unterschiedlichen Positionen dieser beiden gegensätzlichen Ethik-Konzepte deutlich.